Zwischen Musik und Epilepsie
Flo LeBeau ist Berner Musiker, Songwriter und lebt mit Epilepsie. Seine Songs zwischen Indie, Folk und Punk erzählen von Sehnsucht, Überlebenskampf und Selbstreflexion. Im Blogbeitrag erzählt er, wie seine Diagnose seine Musik und Karriere geprägt hat.
Seit seinen ersten Auftritten hat er sich eine eigene Stimme zwischen Indie, Alternative, Folk, Emo und Punk erarbeitet – ehrlich, verletzlich und kraftvoll zugleich. Seine Songs handeln von Sehnsucht, Überlebenskampf und Selbstreflexion: Themen, die eng mit seiner eigenen Lebensgeschichte verbunden sind.
Doch hinter der Bühnenenergie steckt auch ein persönlicher Kampf: Flo lebt mit Epilepsie, einer Diagnose, die sein Leben und seine Musik massgeblich geprägt hat. Seine Songs, voller Emotionen und authentischer Geschichten, sind ein Spiegel seiner Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen.
Das ist Flo LeBeaus Geschichte – wie er mit der Diagnose Epilepsie umging, seinen eigenen Weg fand und daraus eine Musikkarriere entstehen liess, die heute Menschen berührt und inspiriert.
Erste Anzeichen – wie alles begann
Vor elf Jahren, im Jahr 2014, wurde bei mir Epilepsie diagnostiziert. Meine damalige Partnerin hatte bemerkt, dass ich morgens oder abends im Bett kurze Aussetzer hatte. Das bedeutet, dass ich für etwa zehn Sekunden abwesend war, ohne das Bewusstsein zu verlieren. Diese Absencen wurden von Schmatzautomatismen, nestelnden Fingerbewegungen und Formulierungsschwierigkeiten begleitet. Teilweise konnte ich für eine kurze Zeit nicht aussprechen, was ich dachte.
Das sind alles typische Symptome für Epilepsie, weshalb mir meine damalige Partnerin geraten hat, zum Arzt zu gehen. Das konnte ich allerdings nicht wirklich glauben. Erst ein paar Wochen später, als ich wegen einer Grippe bei meinem damaligen Hausarzt war, habe ich ihm davon erzählt. Er hat mich aufgeklärt und mich direkt in den Notfall geschickt, um die Symptome abklären zu lassen. Denn was ich damals nicht wusste: Es könnten auch grössere Anfälle mit Verlust des Bewusstseins auftreten, was wiederum sehr gefährlich werden könnte. Besonders in Situationen wie zum Beispiel beim Autofahren, Velofahren, Klettern oder Aare-Schwimmen, die im schlimmsten Fall tödlich enden könnten.
Also ging ich am Freitagabend, 29. August 2014, direkt in das Notfallzentrum des Inselspitals in Bern. Nach dem Check-in, einem Vorgespräch und einigen Routineuntersuchungen wurde ich anschliessend von mehreren Neurologinnen und Neurologen befragt. Der Verdacht auf Epilepsie erhärtete sich. Nach einer Bildgebung des Gehirns mittels Magnetresonanztomographie (MRI), um Veränderungen in der Hirnregion festzustellen, konnte glücklicherweise ein Tumor oder Ähnliches ausgeschlossen werden, da keine «strukturelle Läsion» gefunden wurde.
Nach dem Schlussgespräch und 5 ½ Stunden später habe ich um Mitternacht den Notfall des Inselspital Berns verlassen. Die Diagnose lautete: «Temporallappenepilepsie».
Diagnose Epilepsie – was nun?
Ab sofort durfte ich nicht mehr Auto fahren, musste täglich morgens und abends das Antiepileptika «Keppra» einnehmen und einen minutiösen Anfallskalender führen. «Beruflich bestehen keine Einschränkungen», so hiess es im Bericht.
Das Ganze war natürlich erst einmal ein grosser Schock, den ich verarbeiten musste. Kaum war eine Frage geklärt, tauchte die nächste auf: Inwiefern kann ich mein bisheriges Leben weiterführen und wo muss ich umdenken? Kann ich weiterhin frei reisen? Mit der Band Musik machen? Eine Familie gründen? Inwiefern bin ich eingeschränkt oder gar «beeinträchtigt»?
Es war eine bewegende und schwierige Zeit für mich. Zudem musste ich lernen, dass medizinische Abklärungen nur langsam vorangehen. Wenn beispielsweise die Medikation angepasst wurde, musste ich wieder drei Monate warten und mich bis zur nächsten Untersuchung beobachten. Aber genau dadurch habe ich gelernt, besser auf mich zu achten und achtsamer mit mir selbst umzugehen.
Verschiedene Therapieansätze
Nach sieben Jahren Therapie am Inselspital in Bern hatte ich immer noch Anfälle. Ich war jedoch überzeugt, dass es neben Medikamenten und Operationen weitere Behandlungsmöglichkeiten für Epilepsie geben muss. Die Erkrankung an sich ist das eine, die Anfälle sind jedoch etwas Anderes: Sie werden durch unterschiedlichste Faktoren ausgelöst und jede betroffene Person muss ihre individuellen Auslöser zuerst ergründen. Ein Klassiker dabei ist das «Blitzlicht», das in meinem Fall jedoch keine Anfälle provoziert.
Um eine neue Behandlungsmöglichkeit auszuprobieren, habe ich in die Klinik Arlesheim gewechselt, da dort ein anthroposophischer Ansatz verfolgt wird. Mir wurden dann die Arbeitshefte «Selbst-Handeln bei Anfällen» empfohlen. Durch diese habe ich erkannt, dass ich meine Epilepsieerkrankung durch mehr Achtsamkeit in meinem Handeln, Denken und Fühlen selbst direkt beeinflussen kann.
Ein Schachzug des Körpers
Die Epilepsie hat mich ziemlich aus der Bahn geworfen. Aber ich werde nie vergessen, was mir mein Therapeut in Arlesheim im Jahr 2022 gesagt hat: «Man kann die Epilepsie auch als einen cleveren Schachzug des Körpers betrachten, der einen auf etwas hinweisen will.» Und daran glaube ich noch heute.
Meine Anfälle begannen in einer Zeit, in der ich als Lehrperson an der Volksschule überfordert und unzufrieden war. Ich bin überzeugt, dass der berufliche Dauerstress und die allgemeine Unzufriedenheit dazu geführt haben, dass mein Körper «Stopp» gesagt hat und mich aufgefordert hat, besser auf mich zu achten. So habe ich mir grundsätzlich überlegt, wie ich mein Leben führe und ob ich wirklich das tue, was ich eigentlich will.
Inspiration zur Solokarriere
Seit meinem 15. Lebensjahr mache ich Musik. Die Faszination für das Leben als Solokünstler war auch schon immer in mir vorhanden, jedoch habe ich mich nie getraut, alleine auf eine Bühne zu stehen. Schliesslich hat mich die Epilepsie im Jahr 2022 inspiriert, mein Soloprojekt «Flo LeBeau» zu starten.
Schon meine erste EP im Jahr 2024, eine CD mit vier Songs, war stark geprägt von der Verarbeitung meiner Epilepsie-Diagnose. Ich habe auf dieser CD die Schritte wie das Überwinden der eigenen Widerstände («Overcome») oder die Hürden und Phasen der Einsamkeit, die man erlebt, wenn man konsequent den eigenen Weg geht («Small Fish»), thematisiert.
Der Song «Bridge» handelt konkret von Epilepsie und dem Brückenschlag zwischen Wach- und Schlafzustand. Dabei steht die Brücke symbolisch auch für die Verbindung und den Frieden im Allgemeinen. Musik erzeugt schliesslich auch Stimmungen, und es sollte möglich sein, dass alle Hörerinnen und Hörer die Texte für sich selbst interpretieren.
Auch meine zweite EP aus dem Jahr 2024 ist sehr persönlich. Sie behandelt jedoch auch politische Themen und hat eine aufmüpfige Ader. Ganz nach dem Motto des Titels «Song of Spring (SOS)» werden die Themen Neuanfang und Aufbruch thematisiert, was vor zwei Jahren gut zu meiner Situation passte. Während der Produktion dieser EP hatte ich meinen ersten und bisher einzigen generalisierten epileptischen Anfall erlitten («Grand Mal»).
Das war für mich ziemlich krass, denn ich hatte das Bewusstsein verloren und war erst 20 Minuten später in der Ambulanz wieder zu mir gekommen. Glücklicherweise war ich in Begleitung meiner damaligen Partnerin, die alles mitbekommen hatte: Krampfanfall, Atemstillstand und Verfärbungen im Gesicht. Zuvor hatte ich regelmässig «schwache» Absencen. Doch nach diesem heftigen epileptischen Anfall war ich für über zwei Jahre komplett anfallsfrei.
Wie Epilepsie das Schaffen inspiriert und beeinflusst
Meine Krankheit hat mich schon sehr stark beim Schreiben der Lieder beeinflusst. Für mich war klar, dass der nächste musikalische Schritt ein Album sein würde. Da ich mich intensiv mit den Arbeitsheften «Selbst-Handeln bei Anfällen» befasst hatte, kam mir die Idee, die Themen der Hefte in Songs zu verarbeiten. So ist ein Album mit zehn Liedern entstanden, die teilweise die gleichen Titel wie die Hefte tragen – nur sind meine Texte auf Englisch.
Meine Epilepsie-Erkrankung beeinträchtigt mich auf der Bühne nicht. Wenn ich allerdings für Konzerte länger unterwegs bin, muss ich darauf achten, dass ich die Medikamente dabei und griffbereit habe. Als ich dieses Jahr in Kanada spielen durfte, musste ich zum Beispiel darauf achten, mich schrittweise an die sechsstündige Zeitverschiebung zu gewöhnen. Ich habe also bereits drei Tage vor dem Flug meinen Schlafrhythmus angepasst.
Musik als Bewältigungsstrategie
Für mich persönlich ist die Musik eine Bewältigungsstrategie im Umgang mit meiner Epilepsie-Erkrankung. Wenn ich damit andere Betroffene oder Angehörige erreiche und ihnen mit meinen Liedern ein bisschen Mut in einer schweren Zeit machen kann, dann wäre das umso schöner. Aber es ist für mich auch ein Experiment, dessen Ausgang ich heute noch nicht kenne.
Ich glaube auch, dass sich meine persönlichen Erfahrungen exemplarisch auf andere Krankheitsbilder, das Thema Psychosomatik sowie den Umgang mit Sorgen und Ängsten im Allgemeinen übertragen lassen. Denn wir alle wissen, dass psychische Gesundheit zunehmend zum Thema wird und dass sich jede und jeder damit beschäftigen muss.
Und nicht zuletzt ist es ein kritisches Hinterfragen gesellschaftlicher Normen sowie unseres Gesundheitswesens. Viele Menschen erwarten bei einer Krankheit eine rasche Heilung durch Medikamente oder Operationen. Gerade neurologische und psychische Erkrankungen sind jedoch hochkomplex und verlangen nach einer intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit und den eigenen Grundbedürfnissen.
Diese Thematik gipfelt auf meinem Album im Song «Work», in dem ich etwas überspitzt darstelle, dass uns die Lohnarbeit zunehmend krankmacht und wir keine Zeit und Energie mehr haben, uns mit uns selbst zu befassen. Das ist natürlich auch Kapitalismuskritik. Es ist also schon mein Ziel, Dinge anzusprechen, die mich persönlich bewegen. Aber in erster Linie soll das Publikum selber entscheiden, was es damit macht.
Über Epilepsie reden (und singen)
Für mich ist es ganz neu, im Kontext meiner Musik offen über Epilepsie zu sprechen und zu singen. Vor kurzem ist die erste Single meines neuen Albums erschienen. Auf meinen Online-Kanälen habe ich erwähnt, dass «We Need To Talk» die erste Single des Albums «Epilepsy» ist, das 2026 erscheinen wird.
Zur Musik und zur Produktion habe ich einige sehr schöne Rückmeldungen erhalten. Zum Thema Epilepsie jedoch nicht, was ich ehrlich gesagt nicht anders erwartet habe. Manchmal bin ich auch unsicher, ob es eine gute Idee war, meine Musik so direkt und offensichtlich mit dem Thema Epilepsie zu verbinden. Aber ich glaube schon, dass es legitim ist. Es braucht einfach Zeit. Ein befreundeter Musiker hat mir geraten, mir genug Zeit für die Veröffentlichung zu nehmen, «damit du dein Album erklären kannst». Wenn ich mit meiner Botschaft auch nur eine betroffene oder angehörige Person erreiche, dann habe ich etwas gegen die Stigmatisierung unternommen. Das ist meine Überzeugung und somit für mich der richtige Weg.
Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Im Februar, März und Mai 2026 erscheinen weitere Singles, die online veröffentlicht werden. Ich nutze die Veröffentlichungen, um auf die Themen der einzelnen Lieder aufmerksam zu machen und um Konzerte anzukündigen. Das gesamte Album wird es dann im Sommer 2026 auf CD, Vinyl und digital geben, daran arbeite ich gerade.
Epilepsie als Chance
Winston Churchill soll einmal gesagt haben: «Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.» Aufgeben ist also nie eine Option, auch nicht im Falle einer Diagnose oder Erkrankung. In meinem Fall konnte ich diese Krise als Chance nutzen, um mein Leben neu auszurichten – trotz aller Widerstände, Hürden und Hindernisse. Teilweise fühlt es sich sehr gut und richtig an, beispielsweise zuletzt als ich im Mai in Kanada auf Tour war. Und manchmal stecke ich wieder richtig fest und habe Selbstzweifel. Aber dann denke ich an das Zitat von Churchill. Das gehört wohl einfach zu meinem Leben dazu.
Autor
Flo LeBeau (Gastautor)
Musiker, Epilepsie-Betroffener
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