Was sind epileptische Anfälle und Epilepsien?

Epileptische Anfälle sind Störungen des Gehirns aufgrund kurzdauernder vermehrter Entladungen von Nervenzellen.

Es gibt etwa zehn Formen epileptischer Anfälle und noch mehr Formen von Epilepsien, weil diese auch mit einer Kombination mehrerer verschiedener Anfallsformen einhergehen können. Jeder betroffene Mensch hat in der Regel nur eine Epilepsieform mit einer bis drei Anfallsformen. Die Abstände zwischen den einzelnen Anfällen können zwischen Sekunden und Jahren oder sogar Jahrzehnten schwanken.
Das Wort Epilepsie kommt aus dem Griechischen und bedeutet «Ergriffenwerden», «Gepacktwerden» oder «von etwas befallen oder erfasst sein». Früher bezeichnete man Epilepsien auch als «Morbus sacer» oder «Heilige Krankheit» und gab ihnen damit eine Sonderstellung, die sie auch noch manchmal haben.
Anfallsformen
Viele Menschen glauben, es sei ganz einfach, einen epileptischen Anfall zu beschreiben. Jemand stosse aus heiterem Himmel einen Schrei aus, verliere das Bewusstsein, werde dann steif, beisse sich gegebenenfalls auf die Zunge und falle um. Er halte den Atem an und werde blau, krampfe dann für eine gewisse Zeit an Armen und Beinen, bis er vor Erschöpfung in eine Art Tiefschlaf verfalle. Hinterher klage er unter Umständen über Abgeschlagenheit, Kopfschmerz, Schwindel oder Muskelkater; manchmal komme es auch zu einem unwillkürlichen Urinabgang. Es stimmt zwar, dass diese Beschreibung für eine häufige Form epileptischer Anfälle (den sogenannten Grand-Mal-Anfall oder generalisierten tonisch-klonischen Anfall) zutrifft, aber diese Anfallsform ist nur eine von vielen.
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Epileptische Anfälle können sehr unterschiedlich aussehen.
Se können ohne Schrei und Bewusstlosigkeit einhergehen, ohne Steifwerden, Zungenbiss und Umfallen, ohne Blauwerden und Krampfen. Sie können so harmlos sein, dass weder die Betroffenen irgend etwas davon mitbekommen noch Nichtfachleuten etwas auffällt, wenn sie einen Anfall direkt sehen. Einziges Zeichen eines epileptischen Anfalls kann eine Unaufmerksamkeit von fünf bis zehn Sekunden Dauer oder ein kurzes Zucken eines Armes sein.
Eine allgemeine Definition
Eine allgemeingültige und für alle Anfallsformen gültige Beschreibung epileptischer Anfälle könnte lauten: Epileptische Anfälle sind relativ kurzdauernde, plötzliche Änderungen des Bewusstseins, Denkens, Verhaltens, Gedächtnisses, Fühlens oder Empfindens oder der Anspannung der Muskulatur aufgrund einer vorübergehenden Funktionsstörung von Nervenzellen im Gehirn in Form vermehrter und einander gegenseitig aufschaukelnder elektrischer Entladungen. Diese Definition ist zwar richtig, aber viel zu lang, um sie behalten zu können und im Alltag zu verwenden. Man kann epileptische Anfälle deswegen vereinfachend auch als Ausdruck einer vorübergehenden Funktionsstörung von Nervenzellen definieren, wobei die Auswirkungen davon abhängen, welche Funktion die beteiligten Nervenzellen normalerweise haben.
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Zeichen epileptischer Anfälle
Jede Nervenzelle und jeder Nervenzellverband im Gehirn kann «epileptisch» werden, was dazu führt, dass sie in ihrer normalen Tätigkeit gestört oder unterbrochen werden. Wenn die Zellen für die Geruchsempfindung verantwortlich sind, kommt es zu einer Riechstörung; sind sie normalerweise für das Sehen verantwortlich, kann es beispielsweise zu Wahrnehmungen von Blitzen oder anderen Lichtreizen kommen. Sind sie am Gedächtnis beteiligt, drückt sich dies in einer Störung des Lernens und gegebenenfalls auch in einer Unterbrechung des Bewusstseins mit hinterher bestehender Erinnerungslücke aus.
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Anfälle und Epilepsie
Der Ausdruck «epileptische Anfälle» ist eine Sammelbezeichnung, hinter der sehr unterschiedliche Krankheiten stecken können. Bei sehr vielen Menschen findet sich allerdings auch mit den heute zur Verfügung stehenden Methoden keine fassbare Ursache für ihre Anfälle. Nicht jeder Mensch mit einem oder mehreren epileptischen Anfällen hat auch eine Epilepsie. So wird es bei fast jedem Menschen zu epileptischen Anfällen kommen, der zum Beispiel eine Eiterung des Gehirns (einen sogenannten Hirnabszess) entwickelt, der eine ausreichend schwere Kopfverletzung erleidet, dessen Gehirn nicht genug mit Sauerstoff versorgt wird oder der eine Überdosis bestimmter Medikamente einnimmt. Obwohl es bei einem Fortbestehen oder einer Wiederholung dieser Umstände auch zu wiederholten Anfällen kommen kann, haben die betreffenden Menschen keine Epilepsie. Von einer Epilepsie wird erst nach mindestens zwei epileptischen Anfällen gesprochen, für die jeweils keine auslösende Ursache erkennbar ist, die also spontan aufgetreten sind. Das heisst nicht, dass nicht eine für die Anfälle verantwortliche Veränderung am Gehirn wie etwa ein Geburtsschaden oder eine andere, längere Zeit zurückliegende Verletzung vorliegen kann.
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Was sind epileptische Anfälle und Epilepsien nicht?
Genaugenommen sind Epilepsien überhaupt keine Krankheiten im engeren Sinn mit einer einheitlichen Ursache, sondern eher eine Gruppe von Störungen mit unterschiedlichen ursächlichen Krankheiten, denen das wiederholte Auftreten von epileptischen Anfällen gemeinsam ist. Epilepsien sind also allenfalls eine Gruppe von sehr unterschiedlichen Krankheiten. Erst die sorgfältige Abklärung, welche Ursache epileptischen Anfällen zugrundeliegt und um welche Anfallsform es sich handelt, erlaubt eine genaue Einordnung und Behandlung.
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Die Vorurteile haben eine lange Geschichte
Epilepsien gehören immer noch zu den Gesundheitsstörungen, denen in der Öffentlichkeit mit einer Vielzahl falscher Vorstellungen und Vorurteile begegnet wird, obwohl das Fachwissen gerade in diesem Bereich in den letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen hat. Schon der berühmte griechische Arzt Hippokrates (460-375 vor Christi Geburt) hatte erkannt, dass Epilepsien auf einer Störung im Gehirn beruhen, aber es dauerte bis zum 19. Jahrhundert, bis sich diese Überzeugung auch im ärztlichen Handeln und - wenngleich sehr zögerlich - zunehmend auch im allgemeinen Bewusstsein niederschlug.

Die damals schlechten Behandlungsaussichten führten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern Europas auch dazu, dass für Menschen mit Epilepsien als den «Ärmsten der Armen» spezielle Anstalten zur Dauerunterbringung geschaffen wurden. Damit rückten Menschen mit Epilepsien in die Nähe von Geisteskranken, denen ein ähnliches Schicksal widerfuhr. Diese «Anstalten für Epileptische» wurden in den letzten Jahrzehnten in moderne neurologische Fachkliniken umgewandelt.
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Falsche und richtige Aussagen zu epileptischen Anfällen und Epilepsien
FalschRichtig
Ein epileptischer Anfall
ist gleichbedeutend mit Epilepsie
Von einer Epilepsie kann erst nach mehreren spontan auftretenden Anfällen ohne erkennbare Ursache gesprochen werden
Epileptische Anfälle sind immer dramatisch und nicht zu übersehenEs gibt kaum merkliche oder harmlos erscheinende epileptische Anfälle wie z.B. Absencen oder komplex-partielle Anfälle
Epilepsie ist eine KrankheitEpilepsie ist genaugenommen keine Krankheit, sondern eine «Störung» des Gehirns. Eine Krankheit ist eine typische Kombination von Beschwerden und Krankheitszeichen mit einer einheitlichen Ursache. Epilepsien sind aber durch sehr unterschiedliche Beschwerden und Krankheitszeichen gekennzeichnet, die zudem keine einheitliche Ursache haben
Epilepsie ist eine gleichförmige KrankheitEs gibt nicht eine, sondern mehr als 20 Arten von Epilepsien
Epilepsien sind schwer
zu behandeln
Etwa 60-70% aller Epilepsien lassen sich mit einem Medikament gut behandeln (völlige Anfallsfreiheit oder nur sehr wenige Anfälle bei guter Verträglichkeit der Medikamente)
Alle «Epileptiker» sind mehr oder weniger gleichEs gibt keinen typischen und einheitlichen «Epileptiker»; Menschen mit Epilepsien unterscheiden sich ebenso wie Menschen mit hohem Blutdruck oder Zuckerkrankheit
Epilepsie ist eine GeisteskrankheitEpilepsie ist ebensowenig eine Geisteskrankheit wie andere neurologische Krankheiten
Epilepsie geht mit einer geistigen Behinderung einherDie überwiegende Mehrzahl der Menschen mit Epilepsien ist nicht geistig behindert
Epilepsie ist eine ErbkrankheitMehr als 90% aller Epilepsien sind nicht erblich
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