Antiepileptika sind mit Abstand die wichtigste Möglichkeit einer Behandlung von Epilepsien. Manchmal ist – meist zusätzlich – auch mit nichtmedikamentösen oder sogenannt “alternativen” Methoden eine erfolgreiche Behandlung möglich (siehe epi-info “Nichtmedikamentöse und “komplementäre” Behandlungsmethoden”) und bei einem kleinen Teil der Menschen mit Epilepsie kommt eine Operation am Gehirn in Frage (siehe epi-info “Epilepsiechirurgie”).
Seit wann gibt es Antiepileptika?
Das erste wirksame und besonders bei schwer behandelbaren Epilepsien im Kindesalter nach wie vor eingesetzte Medikament gegen epileptische Anfälle ist Brom (als Kaliumbromid: Dibro-Be mono). Seine Entdeckung Mitte des 18. Jahrhunderts beruhte allerdings auf einem Missverständnis. Sir Charles Locock, Leibarzt der englischen Königin, war wie viele seiner Zeitgenossen der Auffassung, dass Sexualität im Allgemeinen und Onanie im Besonderen die Quelle vieler Übel sei, und er vermutete in der Onanie auch eine wesentliche Ursache der Epilepsien. Nachdem ihm aufgefallen war, dass Brom müde machte und allgemein Aktivitäten verminderte, hatte er – unter der Vorstellung einer Abschwächung des Onanierens – Kindern mit Epilepsie Brom gegeben und eine eindeutige Besserung festgestellt. Obwohl die Vermutung eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen Onanie und Epilepsie mit Sicherheit falsch ist, war damit dennoch das erste wirksame Medikament gegen epileptische Anfälle entdeckt worden.
Es dauerte dann mehr als 50 Jahre, bis Anfang des 20. Jahrhunderts (1912) dem deutschen Nervenarzt Alfred Hauptmann die Beobachtung einer antiepileptischen Wirkung des Schlafmittels Phenobarbital (Aphenylbarbit, Luminal) gelang. Auch fast einhundert Jahre später ist Phenobarbital, nicht zuletzt aufgrund seines günstigen Preises, weltweit immer noch das am meisten eingesetzte Medikament gegen epileptische Anfälle. Auf der Suche nach ebenso gut wirksamen, aber weniger stark müde machenden Mitteln fand man dann in den Jahrzehnten danach unter anderem Phenytoin (Epanutin, Phenhydan, Phenytoin-Gerot) und Primidon (Mysoline). Erst um 1970 wurden Carbamazepin (Tegretol) und Valproinsäure (Depakine Chrono) entwickelt. Mit diesen beiden Medikamenten werden in Europa nach wie vor mehr als die Hälfte aller Menschen mit Epilepsie behandelt. Nach einer längeren Pause wurden schliesslich in den letzten 10 Jahren erfreulicherweise viele neue Antiepileptika entwickelt und eingeführt.
Wie werden Antiepileptika entwickelt?
Die ersten wirksamen Medikamente zur Behandlung von Epilepsien wurden eher zufällig entdeckt. Daran hat sich bis heute trotz intensiver Forschungsbemühungen noch nicht viel geändert. Bis auf sehr wenige Ausnahmen werden neue Antiepileptika immer noch anhand umfangreicher sogenannter Screening- oder auch Suchtests zunächst in Tiermodellen auf ihre antiepileptische Wirkung hin untersucht. Ist diese vorhanden, muss – zunächst ebenfalls am Tier – überprüft werden, ob sich Hinweise auf Organschäden ergeben. Erst wenn dies nicht der Fall ist, darf die Substanz erstmals beim Menschen eingesetzt werden. Sobald man ausreichend Erfahrung hat, in welcher Dosierung die Substanz beim gesunden Menschen wirksam und verträglich ist, folgen Wirksamkeitsstudien bei Patienten. Jahr für Jahr werden weltweit mehrere 100 Substanzen getestet, von denen aber letztendlich nur sehr wenige zur Zulassung kommen. Bei den anderen ist entweder die Wirkung nicht ausreichend oder sie haben schwerwiegende Nebenwirkungen.
Die wichtigsten Antiepileptika
In der Tabelle sind die wichtigsten Medikamente zur Epilepsiebehandlung einschliesslich der üblichen Abkürzungen und Handelsnamen zusammengestellt. Es gibt noch einige weitere Mittel, die aber nur sehr selten zum Einsatz kommen und deswegen hier nicht berücksichtigt wurden.
| Wirkstoff | Abkürzung | Handelsnamen |
| Barbexaclon | BBX | Maliasin |
| Carbamazepin | CBZ | Tegretol, Timonil |
| Clobazam | CLB | Urbanyl |
| Clonazepam | CNZ | Rivotril |
| Diazepam | DZP | Paceum, Psychopax, Stesolid, Valium |
| Ethosuximid | ESM | Petinimid, Suxinutin |
| Felbamat | FBM | Taloxa |
| Gabapentin | GBP | Neurontin |
| Kaliumbromid | KBR | Dibro-Be mono* |
| Lamotrigin | LTG | Lamictal |
| Levetiracetam | LEV | Keppra |
| Lorazepam | LZP | Temesta |
| Mesuximid | MSM | Petinutin |
| Midazolam | MDZ | Dormicum |
| Oxcarbazepin | OXC | Trileptal |
| Phenobarbital | PB | Aphenylbarbit, Luminal |
| Phenytoin | PHT | Epanutin, Epilantin, Phenhydan, Phenytoin-Gerot |
| Primidon | PRM | Mysoline |
| Sultiam | STM | Ospolot* |
| Tiagabin | TGB | Gabitril |
| Topiramat | TPM | Topamax |
| Valproat | VPA | Convulex, Depakine, Orfiril |
| Vigabatrin | VGB | Sabril |
 |  | *Import aus Deutschland |
Die Anwendung von Antiepileptika
Alle Medikamente haben ihre Vor- und Nachteile beziehungsweise Stärken und Schwächen. Es gibt kein ideales Medikament zur Behandlung aller Epilepsien, und ein Mittel, das für viele Menschen sehr gut sein kann, kann bei anderen unwirksam sein oder schwere Nebenwirkungen haben (siehe epi-info “Die wichtigsten Nebenwirkungen von Medikamenten gegen Anfälle”). Die neuen, seit Beginn der 90er Jahre zugelassenen Antiepileptika haben die medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten der Epilepsien zum Teil erheblich erweitert und verbessert. Das bedeutet aber nicht, dass die “alten” oder besser “bewährten” Mittel ihren Wert verloren haben. Nach wie vor können die meisten Menschen mit Epilepsie erfolgreich mit den beiden bewährten Wirkstoffen Carbamazepin und Valproat behandelt werden, wobei Carbamazepin in der Regel bei fokalen Anfällen und Valproat bei generalisierten Anfällen bevorzugt wird (siehe epi-infos “Häufige Anfallsformen bei Kindern”, “Häufige Anfallsformen bei Jugendlichen und Erwachsenen”, “Was sind fokale Anfälle ohne Bewusstseinsstörung?”, “Was sind fokale Anfälle mit Bewusstseinsstörung?”, “Generalisierte tonisch-klonische (Grand-mal-) Anfälle”).
Sowohl von den bewährten als auch von den neuen Antiepileptika wirkt ein Grossteil nur bei fokalen oder fokal eingeleiteten generalisierten tonisch-klonischen (Grand-Mal-) Anfällen, während Valproat, Lamotrigin und mit Einschränkungen Topiramat und wahrscheinlich auch Levetiracetam bei allen oder zumindest fast allen Anfallsformen wirksam sind und insofern als “Breitspektrum”-Antiepileptika bezeichnet werden können. Die Auswahl des geeigneten Medikamentes ist eine der wichtigsten ärztlichen Aufgaben.
Wichtige Hinweise zur Dosierung von Antiepileptika
Fast alle Antiepileptika sollten zu Beginn einer Behandlung langsam ein- und aufdosiert werden, besonders wichtig ist dies bei Primidon, Lamotrigin (in Kombination mit Valproat) und Topiramat. Auch bei den anderen Medikamenten ist ein langsames Vorgehen aber fast immer vorteilhaft. Unter Umständen kann es günstig sein, sich von seinem Arzt eine unmissverständliche Tabelle mit den Namen und Dosierungen der Medikamente sowie ihrer Einnahmezeitpunkte geben zu lassen (siehe epi-infos “Grundlagen der medikamentösen Behandlung” und “Zusammenarbeit mit dem Arzt").
Die Einnahme zusammen mit anderen Medikamenten
Bei einer gleichzeitigen Einnahme von mehreren Medikamenten (sowohl mehreren Medikamenten zur Behandlung der Epilepsie als auch anderen Medikamenten) kann es zu einer gegenseitigen Verstärkung oder auch Abschwächung von Wirkungen und Nebenwirkungen kommen. Dies kann einerseits mit Überdosierungserscheinungen einhergehen, andererseits auch mit einem eher noch gefährlicheren Wirkungsverlust. In Zweifelsfällen hilft bei einem entsprechenden Verdacht eine Bestimmung des Blutspiegels der Medikamente (siehe epi-infos “Wechselwirkungen zwischen Antiepileptika und anderen Medikamenten” sowie “Blutspiegelbestimmung”)
Das Absetzen von Antiepileptika
Der wichtigste Punkt beim Absetzen von Antiepileptika ist, dass diese nur in Notfällen wie bei schweren Allergien – und auch dann nur mit einem Begleitschutz durch andere Medikamente – rasch abgesetzt werden dürfen. Ansonsten droht die Gefahr schwerer Komplikationen bis hin zum unter Umständen lebensgefährlichen Status epilepticus (siehe epi-infos “Wann und wie kann eine Behandlung beendet werden?” und “Was ist ein Status epilepticus?”)
Weitere Informationen
epi-infos
Fachwörter-ABC
Informationsquellen
Häufige Anfallsformen bei Kindern
Häufige Anfallsformen bei Jugendlichen und Erwachsenen
Was sind fokale Anfälle ohne Bewusstseinsstörung?
Was sind fokale Anfälle mit Bewusstseinsstörung?
Generalisierte tonisch-klonische (Grand-mal-) Anfälle
Was ist ein Status epilepticus?
Grundlagen der medikamentösen Behandlung
Die wichtigsten Nebenwirkungen von Medikamenten gegen Anfälle
Wechselwirkungen zwischen Antiepileptika und anderen Medikamenten
Nichtmedikamentöse und “komplementäre” Behandlungsmethoden
Epilepsiechirurgie
Zusammenarbeit mit dem Arzt (“Compliance”)
Blutspiegelbestimmung
Wann und wie kann eine Behandlung beendet werden?
Bücher
Krämer, G.: Epilepsie von A-Z. Medizinische Fachwörter verstehen. 3. Auflage. TRIAS/Thieme Verlag, Stuttgart (2001)
Krämer, G.: Epilepsie. Antworten auf die häufigsten Fragen. Hilfreiche Informationen für Betroffene und Interessierte. 2. Auflage. TRIAS/Thieme Verlag, Stuttgart (2000) |  |